Der Urlaubsfoto-Doktor bei der Arbeit III – Hotelfotos unter schwierigen Bedingungen
Es ist wieder Zeit für eine neue Episode des Urlaubsfoto-Doktors. Natürlich aus aktuellem Anlass, denn ohne ein Bild mit leichten Schönheitsfehlern wäre auch keine große Korrektur nötig. Dieses Mal entstand unser Problembild beim kürzlichen Besuch im Hotel Gams im Bregenzerwald. Werfen wir doch einmal ein Blick auf unseren “Patienten”:
Auweia, was ist denn hier passiert?
Dieses Bild entstand abends im Außenbereich des Hotels, in dem Conny und ich ein wirklich erstklassiges Wochenende verbrachten. Die Indoor-Fotos von der Lobby, dem Zimmer und dem Restaurant hatte ich bereits alle im Kasten. Es fehlte nur noch eine gute Außenaufnahme, auf der der Pool und die Architektur gut zu sehen ist.
Bei solchen Bildern schwöre ich grundsätzlich auf die blaue Stunde. Gerade Nachtaufnahmen kommen besonders gut zur Geltung, wenn der Himmel nicht pechschwarz ist, sondern noch ein wenig leuchtet. Auch der Kontrast des blauen Hintergrunds zu den meist etwas gelblicheren Lampen kommt auf Architekturfotos richtig gut an.
Doch an diesem Abend kannte Petrus keine Gnade und ließ einen leichten Nieselregen aufziehen.
Die Folge bei der Langzeitbelichtung: Wasser auf dem Frontelement der Linse. Und die passenden störenden Flecken im Bild.
Ein schlechtes Foto ist in der Zeit von digitalen Kameras aller Art überhaupt kein Problem: Foto löschen, Neues schießen, Fertig.
In diesem Fall gab es aber keine zweite Chance: Um die Architektur komplett abzulichten, musste mein Objektiv leicht nach oben zeigen. Da es sich um ein Ultraweitwinkel-Objektiv handelte, war ein wirksamer Regenschutz ein Ding der Unmöglichkeit. Egal wie oft ich die Linse abgetrocknet hätte, sie wäre wieder nass geworden. Leider war der Samstag auch bereits mein letzter Abend. Auch wenn wir erst am Sonntag um kurz nach Mittag auscheckten, hätte ich die blaue Stunde kein zweites Mal erwischen können. Auch das Warten auf Wetterbesserung wäre Quatsch gewesen: Das Licht der blauen Stunde ist sehr flüchtig. 20 Minuten später war es bereits deutlich schwärzer.
Man könnte natürlich zurecht fragen, ob ein verregnetes Bild überhaupt ein gutes Motiv darstellt. Ich finde aber, dass gerade das leicht aufgewühlte Wasser in der Langzeitbelichtung sehr schön zur Geltung kommt. Auch die leichte Spiegelung auf nassen Holzboden macht sich hervorragend auf dem Foto.
Kurzum: Das Bild wird gerettet. Also her mit dem Clone Brush.
Neben Maßnahmen zur perspektivischen und farblichen Korrektur ist der Clone-Brush mein Lieblingswerkzeug. Im Deutschen heißt die Funktion meistens “Stempeln”, allerdings trifft es dieser Name meiner Meinung nicht ganz so gut. Statt mit einer Farbe malt man stattdessen mit einem Teil des Bildes. Durch geschicktes Wählen von intakten Teilen des Fotos lassen sich so kaputte Teile des Bildes wiederherstellen. Bei starken Weitwinkelaufnahmen ist in den meistens Fällen eine perspektivische Anpassung der reparierten Stelle nötig.
Gerade bei Architekturen ist dies relativ einfach. Die meisten Fassaden, Geländer oder Möbel besitzen ein gewisses Grundmaß an Symmetrie, so man fast immer einen guten Bildausschnitt findet, mit dem man den Fehler dreist ausbügeln kann. Bei Menschen oder Pflanzen ist diese Art der Reparatur etwas aufwändiger.
Dennoch sollte man den Aufwand nicht unterschätzen. “Mal eben schnell” geht mit diesem Werkzeug leider nichts. Wie bei allem gilt aber auch hier: Übung macht den Meister. Wobei ein perfekt geknipstes Foto euch diese Fleißarbeit natürlich ersparen kann. Aber manchmal geht es halt nicht anders.
Kommen wir nun zum Endergebnis. Im folgenden Foto stecken ungefähr 90 Minuten Arbeit, die sich meiner Meinung nach aber gelohnt haben.
Die beiden vorherigen Episoden des “Bilderdoktors” findet ihr hier:
– Der Urlaubsfoto-Doktor bei der Arbeit – Széchenyi-Heilbad in Budapest
– Der Urlaubsfoto-Doktor bei der Arbeit II – Die Drachenfelsbahn in Königswinter
Hast Du es auch mal mit dem “Inhaltsensitiven” Füllen (engl. “Content aware fill”) anstatt dem Stempeln / Pinseln versucht? Diese Funktion (seit PS CS5 verfügbar) hat mir schon viel Arbeit erspart bzw. die Retusche beschleunigt. Wie das geht, erfährt man mit einer simplen Google-Suche nach “photoshop content aware”…
@Ingo: Von der Funktion habe ich schon einmal etwas gehört. Lightroom nutzt so etwas ähnliches für sein Klon-Tool. Dort wird die Umgebung gescannt und der beste “Flicken” ausgewählt um die Region abzudecken.
LG Phil
Ohja stempeln kenne ich als Spotter auch zur Genüge… da müssen auch gerne mal Schilder, Laternen und Bäume dem blauen Himmel (was dann ja noch einfach ist) oder grünem Gras (da wirds dann schon schwieriger) weichen.
Da sitzt man dann schon mal gut und gerne 20 Minuten oder eben auch mal länger dran.
Aber am Ende ist man auch immer leicht stolz. Dir ist das hier auch echt gut gelungen. :-)
@Jan: Stimmt! Spotting ist das Paradebeispiel für die Tatsache, dass immer erwas störend ins Bild hängt. Beim Spotten fand ich bisher die Ausbeute nur immer so erschreckend: Auf ein gutes Bild kommen da locker 10, die man in den Müll schmeißt.
LG Phil
super! Und was ich am meisten liebe: Es ist wieder einmal ein Beweis dafür, wie viel Aufwand in einem Foto stecken kann – etwas das viele Leute nicht erkennen.
Wie oft ich schon gefragt wurde: “Du kannst uns die Bilder sicher heute Abend senden oder?” – looool – unbearbeitet ginge das schon, aber unbearbeitete Fotos liefere ich meinen Partnern ganz Grundsätzlich nicht ab. In Zukunft kann ich dann einfach auf deine kleine Foto-Doktor Serie hinweisen damit manche es verstehen :D
@Jeremy: Diese Aussage kenne ich nur gut. Aber ich gebe normalerweise keine unbearbeiteten Bilder raus. Ich hab da mittlerweile einen gewissen Anspruch. Out Of Cam verlässt bei mir kein RAW die Speicherkarte ;)
LG Phil
Pingback: Artikel, die Du lesen solltest - Fotografie, Retusche und Reiseziele wie Österreich, Dubai aber auch Cocktails... | TravellerblogTravellerblog